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Illegal in Deutschland

Angst ist ihr ständiger Begleiter

Tatjana F. (Name geändert) hält sich seit 14 Jahren illegal, also ohne Papiere, in einer Stadt im Schwarzwald auf. Angst und Einsamkeit sind ständige Begleiter der 37-jährigen. Die Bosnierin kam zum ersten Mal vor 19 Jahren als Flüchtling nach Deutschland und tauchte fünf Jahre später ab.  

„Ich bin eigentlich gar nicht da. Es gibt mich theoretisch nicht“, sagt Tatjana F. und es klingt ein wenig einsam und sehr, sehr traurig. Die 37-jährige ist eine der bundesweit schätzungsweise 1.000.000 Menschen, die sich momentan illegal in der Bundesrepublik Deutschland aufhalten. Die sich in die Einsamkeit zurückziehen müssen, um nicht aufzufallen. Um nicht entdeckt, um nicht ausgewiesen zu werden. Tatjana F. lebt schon seit 19 Jahren in der Bundesrepublik, seit 14 Jahren ohne Papiere. Als die Bosnierin 1992 einreiste, kam sie als Flüchtling. Floh vor einem grausamen Krieg, der ihr Heimatland zerstörte. Fünf Jahre hatten Tatjana F. und ihre Geschwister den Status der Duldung und lebten bei ihren Eltern, die das dauernde Bleiberecht hatten, in der Nähe von Köln. Doch dann wies man die volljährigen Geschwister aus. Nur Tatjanas jüngste Schwester durfte bleiben, sie hatte das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht. 

Tatjana F. musste nun also das Land verlassen, in dem sie die prägenden Jahre ihrer Jugend verbracht hatte, das ihr Heimat geworden war. Zurück in Bosnien fand sie sich gar nicht mehr zurecht und kehrte als Touristin nach Deutschland zurück – um nie wieder auszureisen. Damit hat Tatjana F. die typische Biografie eines Menschen, der sich illegal in der Bundesrepublik aufhält: „Die allermeisten Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben, waren eine Zeitlang offiziell in Deutschland und sind dann in die Illegalität geraten, weil sie nicht zurück wollten und das Abtauchen die einzige Möglichkeit war, zu bleiben“, erklärt Georg Grandy von der Caritas Freiburg, der sich der illegal im Schwarzwald lebenden Menschen annimmt. 

Tatjana F. hatte Glück: Sie fand Unterschlupf bei ihrer Tante, die in einer Stadt im Schwarzwald lebte. Die Tante war es auch, die der jungen Frau Arbeit vermittelte: Fortan und bis heute pflegte sie alte Menschen. Doch wenig später ging die Tante zurück nach Bosnien und Tatjana F. war ganz allein. Und allein sein hat für einen Menschen, der sich illegal in Deutschland aufhält, eine riesige Dimension. Allein zu sein heißt hilflos zu sein, denn, erklärt Tatjana F., „ich konnte mir ja keine Wohnung nehmen, ich hatte ja keine Papiere, es gab mich ja eigentlich gar nicht.“

Doch eine der Seniorinnen, die sie betreute, war der jungen Frau wohl gesonnen. Sie sah ihre Not und handelte, indem sie Tatjana F. bei sich aufnahm. Kurz entspannte sich die Situation der Bosnierin, doch wenige Monate nach ihrem Einzug verstarb die alte Dame. Erneut wusste Tatjana F. nicht wie es weitergehen sollte. Aber die nächste helfende Hand war schon ausgestreckt: Sie kam von der Tochter der Verstorbenen, die sie bei sich aufnahm und bei der sie noch immer wohnt. Nun kehrte ein wenig Ruhe ins Leben der Tatjana F. ein. 

„Ich habe alles, was ich zum Leben brauche. Aber ich habe die Freiheit nicht. Und ich bin unendlich einsam. Manchmal liege ich einfach nur im Bett und weine“, sagt Tatjana F. leise. Denn wirkliche Freunde hat die junge Frau mit dem sympathischen und überraschend offenen Lachen nicht. Das verbieten ihr ihre Angst und ihre christlich geprägte Moral. „Ich möchte Freunde nicht anlügen. Aber das würde ich müssen. Ich kann ja niemandem sagen, wie es um mich steht, das wäre viel zu gefährlich.“ Ohnehin leidet sie sehr darunter, immer lügen zu müssen. „Ich bin sehr christlich und breche ja ständig ein Gebot der Bibel“, sagt sie verzweifelt. 

Genauso sehr wie unter den Lügen leidet Tatjana F. unter der Angst, die ihr ständiger Begleiter ist. Der Angst, entdeckt zu werden. Wenn sie Polizisten sieht, dann wechselt sie die Straßenseite. Wenn der Schaffner im Zug ihre Fahrkarte kontrolliert, dann hat sie immer eine Ausrede parat, falls er genauer hinsieht und nachfragt, woher sie kommt und wohin sie will. Und auf dem Weg zum Interview mit dieser Zeitung, war sie kurz davor, umzudrehen. „Ich war furchtbar aufgeregt“, erzählt die junge Frau. 

Ein paar Mal gab es auch schon Situationen, in denen es richtig brenzlig wurde. „Einmal, als die alte Dame noch lebte bei der ich wohnte, ging nachts um drei die Alarmanlage los. Die Polizei kam und hat mich auch gesehen. Ich hatte solche Angst.“ Doch niemand hat sich für die schmale, dunkelhaarige Frau interessiert. Ein anderes Mal wurde sie krank und musste dringend ins Krankenhaus. „Ich habe mich dann einfach als Touristin ausgegeben und auch das ging gut.“ 

Doch die ständige Angst, der ständige Druck, haben sich auf Tatjana F.’s  Psyche niedergeschlagen. „Ich bin oft sehr nervös und kann mich nur noch sehr schlecht konzentrieren“, sagt sie. Derartige psychische Probleme beobachtet Georg Grandyhäufig bei Menschen, die sich ohne Papiere in Deutschland aufhalten. „Viele Illegale träumen sogar davon, dass sie entdeckt und ausgewiesen werden“, beschreibt er. Und wie auch die völlig in schwarz gekleidete Tatjana F. setzten die allermeisten darauf, sich nur sehr unauffällig anzuziehen und Pöbeleien aus dem Weg zu gehen. „Dazu muss man sich gar nicht so sehr zurückziehen, wie ich das tue. Denn dann vereinsamt man. Und das ist nicht gut“, sagt Tatjana F.. Sie habe trotz ihrer schwierigen Situation Glück gehabt, meint die junge Frau. Glück, dass sie die Tante hatte, die sie aufnahm und ihr Arbeit vermittelte. Glück auch, dass sie anschließend bei der alten Dame und ihrer Tochter unterkam. „Allein kann man es eigentlich gar nicht schaffen“, sagt sie. Georg Grandy kann allerdings berichten, dass es Illegalen immer wieder gelingt, selbst eine Wohnung zu mieten. Manchmal glaube der Vermieter den Menschen einfach, wenn sie sagen, sie hätten sich angemeldet. „Das ist gar nicht so selten.“ Gelinge das nicht und blieben die illegalen Einwanderer ohne Wohnung und ohne Arbeit, sei die Situation sehr viel kritischer. „Manche kommen dann in Obdachlosenheimen unter“, sagt Georg Grandy. „Und manchmal leider auch bei Menschen, die die Lage der illegalen Einwanderer ausnutzen und sie zu miserablen Arbeits- und Wohnbedingungen für einen Hungerlohn und für ein Dach über dem Kopf schuften lassen.“ 

Erschienen im SÜDKURIER am 7.12.2011

Josef Follmann arbeitet bei der Caritas Freiburg. Zu seinen Aufgaben gehört die Beratung von Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten. 


Wie geht das eigentlich – sich illegal in Deutschland aufhalten? Es gibt doch überall Kontrollen, Nachbarn, usw.? 

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass diese Menschen, in irgendeiner Form auffällig sind. Sie leben mitten unter uns, aber wir merken das nicht. Es steht ihnen ja nicht auf der Stirn geschrieben. 

 

Wie sind diese Menschen überhaupt nach Deutschland gekommen? Ganz ohne Papiere ist ja nicht so einfach?

Es sind in der Regel Menschen, die ohnehin schon in Deutschland waren. Sie haben lange Zeit legal unter uns gelebt, für ein Studium etwa oder als Au Pair. Und dann lief die Aufenthaltsgenehmigung ab, aber die Menschen hatten den dringenden Wunsch, hier zu bleiben. Weil sie hier bessere Zukunftschancen haben etwa, oder weil sie sich verliebt haben, oder auch, weil in ihrer Heimat Krieg ist und sie hier den Flüchtlingsstatus nicht anerkannt bekommen haben. Wenn sie sich der Abschiebung entziehen wollen, haben sie keine andere Möglichkeit, als unterzutauchen. 

 

Und wohin tauchen die Menschen ab? 

Meistens finden sie irgendwo Unterschlupf. Bei Freunden und Bekannten, der Familie, aber auch bei Arbeitgebern, die sie schwarz arbeiten und bei sich leben lassen. 

 

Was ist ihre größten Sorgen?

Das Problem ist, dass man jederzeit erwischt werden kann, wenn man zum Beispiel in eine Kontrolle gerät. Zumal Menschen, denen man ansieht, dass sie nicht aus Deutschland kommen, meiner Beobachtung nach sehr viel öfter kontrolliert werden, als Deutsche. 

 

Dann ist die Angst also ein ständiger Begleiter?

Ja, die Angst müsste nach meiner Einschätzung bei Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben, ständig vorhanden sein. Ich glaube auch nicht, dass man das einfach abstreifen kann. Doch sicherlich entwickeln die Menschen im Laufe der Zeit Mechanismen, mit denen sie ihren eigenen Unsicherheiten begegnen. 

 

Was sind das für Mechanismen?

Sie fahren nie schwarz, verhalten sich immer ordnungsgemäß, sind freundlich, tun nie Dinge, durch die sie auffallen könnten. Wobei sie mit längerer Aufenthaltsdauer vielleicht leichtsinniger werden. Dann besteht die Gefahr, dass sie sich völlig normal verhalten, weil sie sich an die Situation gewöhnt haben und glauben, dass ihnen nichts passiert. Für die Psyche ist das allerdings nicht verkehrt, denn solch eine extreme Belastung kann man auf Dauer nicht aushalten. Sie müssen sich vorstellen, wie diese Menschen erschrecken, wenn ein Kontrolleur in den Bus kommt – selbst, wenn sie eine Fahrkarte haben. 

 

Diese Unsicherheit merken zum Beispiel Kontrolleure den Menschen doch sicherlich an, oder?

Da kommt es auf den Einzelnen an - wie clever und wie cool er ist. Und auch das lernt man mit der Zeit immer besser. 

 

Und was ist, wenn die "Illegalen" ins Krankenhaus müssen?

Das ist mit das Problematischste. Sie haben keine Krankenversicherung und müssen in der Regel selbst bezahlen, wenn sie ärztlichen Beistand brauchen. Bis vor etwa einem Jahr war es auch noch so, dass die Krankenhäuser meldepflichtig waren und gleich nach der Sozialversicherungsnummer gefragt haben. Da konnte es schon etwas brenzlig werden. Inzwischen wurden seitens des Bundes und der Länder diese Regeln Gottseidank etwas gelockert. 

 

Wie ist das eigentlich, wenn Menschen ohne Papiere Kinder haben? Die können dann ja gar nicht zur Schule gehen, oder?

Doch! Im gleichen Zuge, in dem auch die Meldepflicht-Richtlinien in den Krankenhäusern gelockert wurden, ging ein Rundschreiben an die Schulen heraus, nach dem auch diese nicht mehr meldepflichtig sind und nach dem Kinder von Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, Schulen besuchen können. 

 

Und was passiert einem "Illegalen", wenn er erwischt wird?

Dann wird er aufgefordert, innerhalb kürzester Zeit auszureisen und unter Umständen sogar in Abschiebehaft genommen. Die Abschiebehaft ist etwas sehr unerfreuliches. Noch eingeschränktere Bewegungsmöglichkeiten und noch eingeschränktere Sozialkontakte als in normalen Gefängnissen. 

 

Und wie lange bleiben die Menschen in Abschiebehaft? 

Normalerweise höchstens 18 Monate, was eine sehr lange Zeit ist. Es gilt bei Flüchtlingen zum Beispiel zu klären, wo sie überhaupt herkommen und ob sie nach der Genfer Konvention überhaupt abgeschoben werden dürfen.  

 

Kritisieren Sie die Haltung der Bundesregierung hinsichtlich des Aufenthaltsgesetzes? 

Natürlich gefällt mir nicht das nicht, ich denke, da ist unser Staat zu rigide mit den Aufenthaltsregelungen, insbesondere, wenn die Menschen bereits sehr lange legal hier gelebt haben und es dann keine Möglichkeit mehr gibt, einen legalen Aufenthaltstitel zu bekommen.

Fragen: Eva-Maria Bast 

 

Erschienen im SÜDKURIER am 7.12.2011

 

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