Warenkorb

Subjektives Zeitempfinden

Der Wettlauf mit der Zeit

Was hat es eigentlich mit der Zeit auf sich? Seit Jahrhunderten beschäftigt diese Frage Philosophen, Wissenschaftler und kluge Köpfe auf der ganzen Welt. Doch die Person, die dem Geheimnis am schnellsten auf die Schliche kommt, ist ein kleines Mädchen mit großen Augen und braunem Lockenkopf. Momo, die nichts besitzt als das, was sie findet oder was andere ihr schenken, hat Zeit im Überfluss. Das unterscheidet sie grundlegend von den meisten Menschen in Europa. Denn obwohl wir immer länger leben und immer mehr Lebenszeit zur Verfügung haben, scheinen uns Sekunden und Jahre immer mehr zwischen den Fingern zu zerrinnen. Mit dem steten Ticken physikalischer Uhren hat das wenig zu tun.

„Subjektives Zeitempfinden“ nennen Psychologen dieses Phänomen. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Jahre mit den Jahren zu rennen beginnen. Es geht auch darum, dass sich Minuten zu Stunden dehnen, wenn wir im Platzregen ohne Schirm auf den nächsten Bus warten, und die Zeit verfliegt, wenn wir abends mit unseren besten Freunden zusammensitzen. Ganz offensichtlich bestimmen also äußere Ereignisse den inneren Takt eines jeden Einzelnen. Hede Helfrich, Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz, spricht von „Ereigniszeit“, die durch das Erlebte gebildet wird: „Wenn uns in der Gegenwart Zeit lang erscheint – weil nicht viel passiert – erscheint sie uns in der Vergangenheit kurz, weil keine Spuren zurückbleiben. Umgekehrt vergeht in aktiven Phasen die Zeit in der Gegenwart sehr schnell, in der Rückschau erscheint sie uns dagegen wegen der vielen abgespeicherten Ereignisse als lang.“ Die 20-minütige Autofahrt zum Arbeitsplatz, die sich im Hier und Jetzt jeden Tag unendlich anfühlt, ist rückblickend nicht der Rede wert, solange die Straßen frei sind und der Motor läuft. Doch diese eine Fahrt, bei der der Keilriemen reißt und der Pannendienst kommen muss – bei der also etwas Ungewöhnliches passiert – zieht sich in der Erinnerung wie Kaugummi in die Länge. Sie ist im Gegensatz zu allen anderen pannenfreien Fahrten für immer im Gedächtnis abgespeichert. Hede Helfrich nennt diesen Widerspruch auch „Zeitparadoxon“ und erklärt ihn damit, dass das Gehirn in aktiven Phasen mehr Information aufnehmen muss als in passiven. Auf Kindheit und Jugend bezogen: In dieser Zeit verarbeitet der Mensch laufend Premieren, dementsprechend lang kommen ihm diese Zeiträume später vor. Mit fortgeschrittenem Alter hingegen ereignet sich wenig Neues, darum erscheint diese Zeit verkürzt – und das ganz unabhängig davon, wie schnell sich der Zeiger auf der Armbanduhr tatsächlich bewegt hat.

Jemand, der sich schon seit fast einem halben Jahrhundert darum kümmert, dass die Zeit nicht zu rasen beginnt, ist Hans Klaus Hailer. Der gelernte Uhrmacher ist einer der beiden letzten in Konstanz. Obwohl er zwölf Stunden am Tag beruflich damit zu tun hat, dass die Sekunden immer dasselbe Tempo halten, kennt auch er das Gefühl, dass ihm die Zeit davonläuft. „Ich merke das vor allem, wenn ich mir Zeit für meine Kunden nehme. Die fehlt mir dann im Nachhinein in der Werkstatt, wo die kaputten Uhren auf mich warten.“ Dem 62 Jahre alten Konstanzer passiert, was so viele Menschen kennen: Jede scheinbar nicht produktiv genutzte Minute erscheint ihm als verpasste Chance. Seit wir mit diversen Maschinen alles immer besser messen können, haben wir angefangen, dieses Messen auf unser Denken und Handeln zu übertragen. Die Folge: Wir versuchen, mehr in gleicher Zeit zu erreichen, anstatt dir frei gewordene Zeit für uns zu nutzen. Hans Klaus Hailer hat angefangen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Dabei hilft ihm ein stark strukturierter Tagesablauf. „Ich stehe um 4.30 Uhr auf und gehe um kurz vor 6 Uhr eine Runde mit dem Hund. Meine Mittagspause schulde ich ebenfalls dem Tier und abends bin ich mit ihm noch einmal an der frischen Luft und bewege mich. So zwingt mich der Hund, mir Zeit für mich selbst zu nehmen.“ Sehnsüchtig denkt er an seine Kindheit zurück, als er noch niemanden brauchte, der ihn zu einer Auszeit zwang. Da war die entschleunigte Zeit sein steter Begleiter. „Damals dauerte es immer unendlich lang bis zum Geburtstag oder bis Weihnachten. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen.“

Kein Wunder, dass die Jugend ganz oben auf der Beliebtheitsskala der Lebensabschnitte steht: Jeder Erwachsene erinnert sich gerne daran, vor allem dann, wenn er nach den wichtigsten Ereignissen in seinem Leben gefragt wird. Wenn es danach geht, lohnen sich rückblickend lediglich die Jahre zwischen dem zehnten und dem 25. Geburtstag – dana      ch scheint in der Erinnerung vieler älterer Menschen nicht mehr viel Berichtenswertes passiert zu sein. Experten sprechen in bei diesen jungen Jahren auch von einem „Zeitloch“ oder sogar der „Überwindung der Zeit“: Das absolute Verharren im Augenblick, in dem weder Vergangenheit noch Zukunft zählen, stellt sich in dieser Form nie wieder im Leben ein. Denn mit jedem neuen Lebensjahr kommt der Mensch seinem eigenen Ende näher, ohne, dass er weiß, wann ihm tatsächlich die letzte Stunde schlägt.

Denn trotz kontinuierlich steigender Lebenserwartung steht am Ende der Lebenszeit noch immer der Tod. Wenig hilfreich ist dabei, dass sich mit den gewonnenen Jahren nicht etwa Kindheit oder Jugend verlängern, sondern lediglich die Erwachsenen- und vor allem die Altersphase. Und in dieser haben Menschen grundsätzlich das Gefühl, dass die Zeit nicht verstreicht, sondern dahinrast. „Im Alter weiß man schon alles, man macht kaum noch neue Erfahrungen und Irritationen sind erst recht selten“, erklärt Christine Meyer vom Lüneburger Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (siehe Interview). Dem Menschen bleibt dabei gar nichts anderes übrig, als die erlebte Zeit ständig mit seinen Lebensjahren zu vergleichen – schließlich ist das die einzige Relation, die ihm zur Verfügung steht. So kommt es, dass ein Jahr für einen 50-Jährigen in der Regel fünf Mal so schnell vorbeigeht, wie für einen Zehnjährigen.

Michael Endes Momo, die selbst nicht weiß, wie alt sie ist, findet die Antwort auf die Frage, was es mit der Zeit auf sich habe, schlussendlich ganz allein: „Sie ist da. Aber anfassen kann man sie nicht. Und festhalten auch nicht. Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas, das immerzu vorbeigeht. Also muss sie auch irgendwo herkommen. Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein! Jetzt weiß ich’s! Vielleicht ist sie eine Art Musik, die man bloß nicht hört, weil sie immer da ist. Obwohl, ich glaub, ich hab sie schon manchmal gehört, ganz leise.“ Oder, wie es Uhrmacher Hans Klaus Hailer zusammenfast: „Jede Minute hat 60 Sekunden. Es kommt nur darauf an, wie man sie füllt. Die Zeit läuft dabei von ganz allein weiter.“

Erschienen im Südkurier, Oktober 2011

Jetzt neu

Hier abonnieren  oder als Einzelheft bestellen. Wir liefern Versandkostenfrei! Und auf Wunsch auch mit Prämie als Geschenk verpackt. 

 

Women's History Shop - Accessoires und Nützliches

Hier geht's zum Shop

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Bast Medien GmbH, Münsterstr.35, 88662 Überlingen