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Hightech-Region Bodensee

Ein See, 1000 Möglichkeiten

Gegensätze ziehen sich an! Wenn es ein Sprichwort gibt, das auf den Bodensee passt, dann ist es dieses. Wasser trifft auf Berge, Natur auf Kultur, Ruhe auf Dynamik, Tradition auf Innovation und starke regionale Verwurzelung auf internationalen Freigeist. All diese Faktoren sind mit verantwortlich dafür, dass sich die Vierländerregion aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein zu einem der Hot-Spots in Europa entwickelt hat – und das in vielerlei Hinsicht: Der Tourismus boomt, die Wirtschaft brummt und immer mehr Menschen wollen dort wohnen, wo jedes Jahr mehrere Millionen Gäste Urlaub machen.

Wie kann aus einer so komplexen Vielfalt eine harmonische Einheit entstehen? An der Antwort auf diese Frage arbeiten Thorsten Leupold und sein Team. Der Geschäftsführer der Bodensee Standort Marketing GmbH mit Sitz in Konstanz ist vom Potenzial der Bodenseeregion überzeugt. „Sie ist vor allem ein starker Wirtschaftsstandort und nicht nur eine Tourismusregion“, macht er deutlich. Zu den Aufgaben der grenzüberschreitenden Wirtschaftsförderung gehört deshalb auch, den Standort nicht nur zu stärken, sondern internationalen Unternehmen und Investoren seine Vorteile zu präsentieren. Ziel sei es, den Bodenseeraum als Wirtschaftsstandort zu positionieren und zu vermarkten, indem alle vorhandenen Kräfte in der Region vereint und gebündelt werden, erklärt Leupold. „Neben der Wirtschaft werden zudem vorhandene Potenziale aus Tourismus, Wissenschaft, Kultur, und Politik integriert und aktiv einbezogen.“ Erste Maßnahme der gemeinsamen Marketing- und Kommunikationsoffensive war die Entwicklung der Regionenmarke „Vierländerregion Bodensee“.

Die Voraussetzungen dafür, dass Leupolds Vorhaben gelingt, sind denkbar günstig: Das Branchenspektrum ist breit gefächert, zukunftsweisende Technologiebereiche haben Netzwerke gebildet und vier hochentwickelte Länder stellen ihre Potenziale und Ressourcen zur Verfügung. Der Bodensee mit seinem Einzugsgebiet hat, was eine Hightech-Region der Zukunft braucht. Das bestätigt auch Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx: „Zentral in Europa, eine blühende Gastronomie und kleinteilige Gourmet-Landwirtschaft, hohe ökologische Lebensqualität, einige namhafte Hightech-Firmen, spannende Universitäten wie die Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und die Universität St. Gallen und eben drei Kulturen – wenn man die alemannische noch dazu zählt, wären es vier. Das ist schon die richtige Kombination, um die Humanressource anzulocken.“ Trotzdem gehe es in der Talent-Ökonomie um mehr, unter anderem um die Fähigkeit, Netzwerke zu gestalten.

Genau daran wird am Bodensee unter Hochdruck gearbeitet. Thorsten Leupold blickt dabei über die Ländergrenzen hinweg und fasst es so zusammen: „Zu den vorhandenen Potenzialen und Standortvorteilen gehören neben dem Unternehmens- und Hochschulbesatz auch ein breites Infrastrukturangebot und die hohe Lebensqualität.“ Zudem werde das Branchenspektrum in verschiedenen Clustern gefördert. Dafür sorgt seit dem Jahr 2000 die „Clusterinitiative Bodensee“. Unternehmen und Institutionen können so effektiver ihren Bedarf an Ressourcen äußern und erfolgreicher agieren. Derzeit sind es fünf Cluster, in denen sich Arbeitsgruppen intensiv damit beschäftigen, wie die jeweiligen Schwerpunkte in der Bodenseeregion gestärkt und weiterentwickelt werden können: Umwelttechnologie, Lebenswissenschaften und Biotechnologie, Nanotechnologie, Verpackungstechnologie und Luft- und Raumfahrttechnologie.  Hinzu kommen die Cluster Mobilitätstechnologie, Informations- und Kommunikationstechnologie, Nahrungsmittelproduktion, Tourismus sowie Forst und Holz. Baden-Württembergs Finanz- und Wirtschaftsminister Dr. Nils Schmid zeigt sich begeistert von der Idee: „Viele Cluster rund um den Bodensee wurden strategisch auf grenzüberschreitende Kooperationen ausgerichtet. Flankiert werden sie von einer großen Zahl an Forschungseinrichtungen. Durch diese Verzahnung wird auch die Entwicklung und Nutzung von Querschnitts-Technologien erleichtert.“ 

Bei so viel Engagement und intensiver Zusammenarbeit wundert es nicht, dass die deutsche Bodenseeregion zu den absoluten Spitzenreitern gehört, was Forschungs- und Entwicklungsintensität in Baden-Württemberg angeht. „Die Landkreise Konstanz und Bodenseekreis heben sich durch die Verflechtung mit ihren Nachbarregionen in Österreich, Liechtenstein und der Schweiz besonders hervor“, bestätigt Schmid. Das resultiert in den Erfolgsgeschichten der Unternehmen, die sich hier niedergelassen haben.

Ein gutes Beispiel dafür, wie am Standort Bodensee Verbundenheit zur Region und internationaler Erfolg miteinander einhergehen, ist die ifm electronic gmbh. Das Familienunternehmen zählt zu den weltweiten Branchenführern, wenn es um Sensoren, Steuerungen und Systeme für die industrielle Automatisierung geht. Mehr als 1600 Mitarbeiter entwickeln und produzieren im 18.000 Einwohner-Städtchen Tettnang (Bodenseekreis) Sensoren und Steckverbinder für den globalen Markt. Insgesamt rund 1300 Angestellte arbeiten zusätzlich in anderen Produktionsstätten im Ort, aber auch in Kressbronn und im bayrischen Wasserburg. So gilt für fast 90 Prozent des Produktportfolios nicht nur „Made in Germany“, sondern auch „Made in Lake Constance Region“. Firmen wie ifm sind es, die laut Minister Schmid verantwortlich sind für die wirtschaftliche Dynamik der Bodenseeregion. „Ihre Spitzenposition basiert vor allem auf der hohen Bedeutung forschungsintensiver Wirtschaftsbereiche und dem hohen Anteil Beschäftigter in Forschung und Entwicklung.“ Und wo Unternehmen Erfolgsgeschichte schreiben, stehen oft auch die Beschäftigten gut da. Für die beiden baden-württembergischen Bodensee-Landkreise beispielsweise bedeutet das, dass dort das Pro-Kopf-Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt mit teilweise 2,8 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt von 1,6 Prozent liegt.

Zukunftsforscher Matthias Horx sieht aber durchaus auch noch Potenzial nach oben: „Dass es am Bodensee ‚schön‘ ist, hat sich bereits herumgesprochen, und die Bewohner sehen das natürlich auch so. Aber ‚schön‘ ist es eben auch in Franken, Baden und an der mecklenburgischen Seenplatte. Die Frage ist doch, wie man junge Familien, Talente und ‚kreative Klasse‘ anzieht.“  Die Antwort darauf haben ganz offensichtlich Unternehmen wie die Dominic Schindler Creations GmbH gefunden. Mit Leidenschaft für Technologie hat sie sich zum Innovationsführer bei Investitionsgütern entwickelt. Ohne talentierte, dynamische und international erfahrene Mitarbeiter wäre das unmöglich gewesen. So hat das Unternehmen jüngst zusätzlich zum Standort Lauterach in Österreich ein Office im schweizerischen Zollikon am Zürichsee eröffnet.

Dominic Schindler Creations beweist, dass die Bodenseeregion auf dem besten Weg ist, zu dem zu werden, was Matthias Horx „Power-Region“ nennt, nämlich eine Gegend, die an Bevölkerung und Kaufkraft gewinnt. „Diese Regionen sind eben keine entlegene Provinz mehr, sondern kulturell urbanisierte Landschaften, in denen bestimmte Faktoren wie Mehrsprachigkeit, Lebensqualität, Ökologie, Technologie und Bildung eine neue Synthese eingehen. Solche Cluster liegen oft an Schnittstellen, wo alte Nationalstaaten aneinanderwachsen. Der Bodensee hat auch ein solches Potenzial.“

In vielen Sparten wird diese mögliche Leistungsfähigkeit bereits demonstriert, wobei Spitzentechnologie dabei nicht nur bei global agierenden Unternehmen, erfolgreichen Mittelständlern und innovativen Kleinbetrieben zum Einsatz kommt. So lief bereits 2007 am Klinikum Friedrichshafen das deutschlandweit erste Telemedizinprojekt zur Betreuung chronisch herzkranker Patienten. Anstatt zur Kontrolle in die Klinik fahren zu müssen, maßen sich die Teilnehmer mit speziellen Geräten selbst Puls und Blutdruck. Die Daten wurden anschließend automatisch an ein Versorgungszentrum übermittelt, die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten lief über entsprechend ausgestattete Fernsehgeräte. Auch sechs Jahre später schöpft das Klinikum Friedrichshafen noch immer aus dem Vollen, was die Möglichkeiten der Hightech-Region Bodensee angeht.

Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, reicht es jedoch nicht, dass Firmen sich zusammen organisieren oder grenzübergreifend an verschiedenen Standorten agieren. Auch auf politischer Ebene ist jede Menge Engagement nötig, um vier Länder unter einen Hut zu bringen. „Die wirtschaftliche Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg ist sehr eng“, sagt Schmid, dessen Ministerium seit 2011 den Vorsitz der Kommission Wirtschaft innerhalb der Internationalen Bodenseekonferenz inne hat. 2013 stehen dort vor allem der Wissenstransfer und der Fachkräftemangel auf der Agenda.

Thorsten Leupold vom Bodensee Standort Marketing sieht die Vierländerregion Bodensee auf dem richtigen Weg: „Bildung, Forschung und Entwicklung nehmen eine herausragende Stellung ein.“ Denn nur, wenn Unternehmen wie ifm oder Schindler auch künftig die Mitarbeiter finden, die sie suchen, ist die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Bodensee gesichert. Da trifft es sich gut, dass sich in der Vierländerregion Hochschulen an 30 Standorten befinden, darunter die international renommierte Hochschule St. Gallen, die Exzellenzuniversität Konstanz und die Zeppelin University. Doch wer sicher gehen will, muss die Arbeitnehmer von morgen schon heute begeistern. Schmid sieht die Region gut aufgestellt: „Die Unternehmen setzen früh an, um Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen. Allein im Kreis Konstanz gibt es 114 Bildungspartnerschaften von Unternehmen mit 74 Schulen. In Friedrichshafen haben die ZF Friedrichshafen AG, die Stadt Friedrichshafen, der Verband Deutscher Ingenieure und Südwestmetall eine Wissenswerkstatt ins Leben gerufen, in der Kinder Phänomene aus Naturwissenschaft und Technik erleben können. In der Region Hochrhein-Bodensee sind zudem 198, in der Region Bodensee-Oberschwaben 192 Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter unterwegs, darunter eine Vielzahl mit technischen Berufen.“ Diese Auszubildenden stellen an den Schulen ihre Berufe vor und sollen mehr Jugendliche für eine duale Ausbildung begeistern.

Viele Weichen sind also gestellt. Doch was die Zukunft tatsächlich bringen wird? Das kann noch nicht einmal der sagen, der sich hauptberuflich mit genau dieser Frage beschäftigt. „Wie bei allen komplexen Themen gilt: Es kommt darauf an, ob Menschen die Chancen ergreifen“, erklärt Matthias Horx. Genau das setzen ungefähr eine Million Beschäftigte in den vier Ländern am Bodensee jeden Tag um.  

Erschienen im Vis-a-Vis-Magazin im Handelsblatt, September 2013

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