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Kleine Buchläden

Es geht nicht nur um Bücher

Mechtild Homburger führt eine Buchhandlung, wie man sie sich vorstellt. Mehrere zehntausend Titel in den Holzregalen, über jedem Regal eine Schiefertafel, auf der in weißer Kreide vermerkt ist, welche Rubrik hier steht. In der Kinderabteilung gibt es Spielzeug und eine gemütliche Bank mit weichen Kissen und hinter der Kasse mahlt eine vollautomatische Kaffeemaschine. „Die war eigentlich mal für uns gedacht“, erklärt die Geschäftsführerin von „Homburger und Hepp“ am Konstanzer Münsterplatz. Inzwischen verkauft sie den Kaffee auch an ihre Kunden. „Unsere Haupteinnahmen kommen aber immer noch aus den Büchern“, sagt sie schmunzelnd.

Dabei ist die Kaffeemaschine im Buchladen schon längst keine Seltenheit mehr. Oft bleibt es auch nicht dabei: zum Kaffee die Kaffeetassen, zum Wein die passenden Gläser, Gewürzmischungen für die asiatische Küche oder Plätzchenausstecher für die Adventszeit. Die Bücher nehmen in Buchhandlungen immer noch den größten Platz ein. Doch so mancher Geschäftsführer hat inzwischen auch ein Regal frei geräumt für so genannte Non-Book-Artikel. Denn auch damit lässt sich Geld verdienen. Und es ist derzeit gar nicht so einfach, als Buchhändler Geld zu verdienen. Die Konkurrenz von Amazon und E-Book spüren sie alle.

Die amerikanische Internetfirma macht als größter Online-Händler der Welt den Buchhandlungen vor Ort das Leben schwer. Dabei geht es nicht nur darum, dass der Kunde bequem vom Sofa aus per Mausklick bestellt und in der Regel am nächsten Tag das gewünschte Buch im Briefkasten findet. Gefährlicher als die Bequemlichkeit der Leser ist, dass Amazon inzwischen wichtige Antiquariatsportale aufgekauft hat und hier Bücher schon kurz nach ihrem Erscheinen vergünstigt angeboten werden. Da wird an der Buchpreisbindung gekratzt, also an der Vorschrift, dass neue Bücher von allen Verkäufern zum selben Preis angeboten werden müssen. Und die hat bislang viele kleinere Buchhändler vor dem Aufgeben bewahrt. Und was das E-Book angeht: Dass es noch immer auf dem Vormarsch ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Während 2011 nur 4,3 Millionen E-Books verkauft wurden, waren es 2012 drei Mal so viele. Innerhalb von zwei Jahren haben sich die Verkaufszahlen sogar mehr als versechsfacht. Zwei Drittel aller deutschen Buchhandlungen führen inzwischen E-Books im Programm und 2,4 Millionen Deutsche haben sich allein im vergangenen Jahr ein digitales Buch zugelegt.

Ob, und wenn ja, ab wann das E-Book dem gedruckten Buch tatsächlich gefährlich wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Doch es gibt Kenner der Szene, wie zum Beispiel den Journalisten und Schriftsteller Tom Hillenbrand, die für den Buchhandel vor Ort eine düstere Prognose aufstellen: „Die Buchläden werden fast alle sterben“, hat der Spiegel-Online-Kolumnist in seinem Blog unter dem Titel „Zehn steile Thesen zum E-Book“ veröffentlicht. „Wenn man mit Buchhändlern spricht, halten diese entgegen, ihre Läden erfüllten eine wichtige Funktion bezüglich Beratung, Vertrieb und so weiter. Buchläden seien außerdem eine kulturelle Errungenschaft. Das stimmt alles, aber im Wesentlichen galt das auch für Plattenläden – und von denen gibt es praktisch keine mehr“, erklärt er. Das sei für ihn die betrüblichste Aussicht: Dass das Buch irgendwann keinen Ort mehr haben könnte. Dagegen sollten sich nicht nur die Buchhändler, sondern auch Autoren und Verlage mit aller Macht stemmen und an einer innovativen Lösung mitarbeiten.

Doch für Mechtild Homburger heißen die Angstgegner nicht „Amazon“ oder „E-Book“. Im Gegenteil: „Homburger und Hepp“ ist auch als Verkäufer beim Onlineportal zu finden. „Es ist ein Pakt mit dem Feind“, gesteht die Buchhändlerin. Trotzdem verkauft sie antiquarische Bücher und einige Titel aus ihrem Sortiment auch bei Amazon. „Das ist die größte Plattform für Bücher im Internet, die können wir nicht einfach ignorieren. Aber wir machen nur 5 Prozent unseres Umsatzes im Internet, den Rest im Laden.“ Eine Herausforderung sieht sie vielmehr darin, Kinder und Jugendliche fürs Lesen zu begeistern und bei der Stange zu halten. Mit hausinternen Veranstaltungen wie „Lesefutter“ oder den „Lesekoffern“ für Schüler macht sie gute Erfahrungen.  

Reinhilde Rösch ist Geschäftsführerin des Landesverbands Baden-Württemberg beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Sie sieht Mechtild Homburger und ihre Kollegen im Ländle vergleichsweise gut aufgestellt: „Bei uns gibt es noch eine relativ gesunde Struktur an inhabergeführten Buchhandlungen. Wegen des relativ ländlichen Charakters mit vielen Klein- und Mittelstädten war Baden-Württemberg nicht so interessant für die Expansionen der großen Filialketten mit ihren Großflächen. Und gerade die sind es ja, die jetzt am stärksten zurückgehen“, erklärt sie. Wenn in den Citylagen beispielsweise in Nordrhein-Westfalen eine große Filiale von Thalia oder Weltbild eröffnet habe, hätten oft zwei oder drei inhabergeführte Buchhandlungen in der Umgebung geschlossen. „Wenn jetzt diese große Filiale schließt, kommen die kleinen Buchhändler nicht wieder zurück.“

Mechtild Homburger weiß, dass sie und die anderen Buchhändler in der Stadt in einer bevorzugten Lage arbeiten: „Konstanz und die Region bieten sehr günstige Bedingungen für den Buchhandel: attraktive Innenstadt mit abwechslungsreichem Branchenmix, hohe Kaufkraft in der Region mit Zufluss aus der Schweiz, kultiviertes Publikum mit fester Bindung an das Buch als Unterhaltungs- und Bildungsmedium, blühender Tourismusstandort, Universität und Hochschule, reges Kulturleben, viele Schulen, Ämter und Behörden, Volksbüchereien und wissenschaftliche Bibliotheken“, zählt sie auf. In diesem günstigen Klima können Buchhandlungen wie die ihre seit 60 Jahren am Markt bestehen. Nach Meinung von Reinlinde Rösch macht Mechtild Homburger ohnehin vieles richtig. Denn sie empfiehlt den Buchhändlern in Baden-Württemberg: „Bieten Sie das, was die anderen nicht können: Ihre Persönlichkeit, Ihre spezielle Auswahl an Literatur, die Freude, Ihre Stammkunden begrüßen zu dürfen und ihre Bedürfnisse und Wünsche zu kennen“, empfiehlt sie, „der Mensch ist ein soziales Wesen. Bieten Sie Erlebnis und Kommunikation und er wird gerne wieder kommen.“

Erschienen im Südkurier, Dezember 2013

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