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Tulpenzucht

Frühlingsgruß aus Holland

 

 

Der Frühling 2014 ist vorbei. Darin sind sich Annelie Wassmer und Wolfgang Hilbich einig. Die Unternehmerin vom Blumhof bei Stockach hat am Osterwochenende die letzten geschnittenen Tulpen verkauft. Und auch der Geschäftsführer der baden-württembergischen Abteilung des Fachverbandes Deutscher Floristen weiß von seinen Mitgliedern: Jetzt ist Schluss mit dem beliebten Frühlingsboten, jedenfalls als Schnittblume.

Es war eine sehr gute Saison. Denn für die Floristen gilt: Je kürzer und milder der Winter, wie zum Beispiel der vergangene, umso früher kommen bei den Kunden Frühlingsgefühle auf – und damit auch die Lust auf einen bunten Blumenstrauß auf dem Küchentisch. Dass dessen Bestandteile immer öfter aus Deutschland stammen sollen, haben Annelie Wassmer und Wolfgang Hilbich gleichermaßen festgestellt. „Wir merken deutlich, dass die Regionalität bei unseren Kunden eine immer größere Rolle spielt“, erklärt der Agraringenieur. Kurze Transportwege, eine gute Umweltbilanz und eine vergleichsweise geringe Belastung mit Pestiziden: Darauf legen die Kunden inzwischen gesteigerten Wert – bei den Blumen genauso wie in anderen Lebensbereichen.

Annelie Wassmer gehört zu den Verkäufern, die explizit mit deutschen Tulpen werben. Sie passen einfach gut in ihr Gesamtkonzept: „Wir unterstützen zu 99 Prozent unsere einheimischen Kollegen. Für unseren Tulpenverkauf bedeutet das, dass wir ausschließlich Blumen aus Deutschland anbieten.“ Sie holt ihre Ware persönlich bei Bauern in der Nähe von Freiburg und Frankfurt ab. Zwischen dem Schneiden und dem Verladen in ihren Transporter vergeht in der Regel eine Stunde, kurz darauf verkauft sie die Tulpen an ihre Kunden. Mehr als das Doppelte zahlen diese für deutsche Tulpen im Vergleich zu den holländischen. Abhängig von Sorte und Nachfrage kosten die einheimischen Blumen bei Annelie Wassmer zwischen 49 Cent und 99 Cent pro Stück. Eine Investition, die sich lohnt, findet die 60-Jährige: „Unsere Blumen sind frischer und halten länger.“ Zwischen 10.000 und 15.000 von ihnen bringt sie jedes Frühjahr an den Mann und die Frau.

Doch längst nicht alle Fans von Frühlingssträußen sind bereit, diese Preise zu zahlen. Es lockt die preisgünstigere Variante aus den Niederlanden, die in Massen nach Deutschland exportiert wird. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass von den insgesamt rund 167.000 Tonnen Schnittblumen, die 2013 nach Deutschland importiert wurden, allein 149.000 Tonnen aus den Niederlanden stammten. Ihr Wert betrug mehr als 796 Millionen Euro. Die Maschinerie ist gewaltig: In den Niederlanden, die nur knapp 40 Quadratkilometer größer sind als die Schweiz, werden allein 75 Quadratkilometer allein für die Zucht von Tulpen verwendet. Das sind 75 Prozent der Gesamtfläche, die das Land für die Schnittblumenzucht bereit hält. 4,2 Milliarden Blumenzwiebeln produzieren die holländischen Blumenbauern pro Jahr und erzielen mit ihren Schnittblumen insgesamt einen Umsatz von rund drei Milliarden Euro.

Dass sich mit Tulpen gutes Geld machen lässt, haben die Niederländer schon vor rund 400 Jahren entdeckt. Was inzwischen als Massenware millionenfach den Besitzer wechselt, war damals ein Gewächs, das nur bei handverlesenen Händlern zu bekommen war. Erst Ende des 16. Jahrhunderts hatte das erste Exemplar einer Tulpenzwiebel Holland erreicht. Sie stammte aus dem Osmanischen Reich und bekam ihren Namen, weil ihre Blüte an einen Turban erinnerte. Den Siegeszug in die Herzen der Reichen und Schönen trat sie umgehend an und wurde zum Statussymbol. Weil die Zwiebeln nicht so schnell produziert werden konnten, wie die Nachfrage wuchs, war der Weg zum Spekulationsobjekt ein kurzer. Innerhalb weniger Monate explodierten die Preise. Eine Zwiebel der Sorte „Semper Augustus“ (immer erhaben) lag 1637 bei 5500 Gulden, was heute einem Wert von rund 8000 Euro entspräche. Doch am ersten Dienstag im Februar 1637 war plötzlich Schluss damit. Ein Händler wurde seine Ware nicht los, die Nachricht machte die Runde und schon nahm der Untergang der Tulpe seinen Lauf. Der Absturz kostete Tausende von Holländern Haus, Grund und zum Teil auch das Leben. Nicht umsonst gilt das Ende der „Tulpomanie“ im Jahr 1637 als erster Börsencrash der Geschichte und die Tulpe seither als Gartenhure – zu viele Holländer hatte sie erst verführt und dann in den Ruin getrieben.

Und dennoch träumen heute Blumenliebhaber auf der ganzen Welt und vor allem die deutschen Nachbarn davon, inmitten eines holländischen Tulpenfeldes zu stehen. Daran sind unter anderem eine Dame namens Mieke Telkamp und die Herren Rudi Carrell und Heintje schuld, die mit ihrem Walzer „Tulpen aus Amsterdam“ Menschen seit Jahrzehnten Glauben machen, die holländische Grachtenstadt wäre das Ziel ihrer Blütenträume. Tatsächlich werden Touristen schon am Flughafen Schiphol und am Bahnhof Amsterdam Centraal von Ständen mit frischen Tulpen und Tulpenzwiebeln begrüßt – egal, ob sie gerade Saison haben oder nicht. Doch nicht Amsterdam ist das Mekka der Tulpenfans, sondern der Keukenhof in Lisse, eine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Rund sieben Millionen Blumenzwiebeln werden hier jährlich von 40 Gärtnern gepflanzt, weit mehr als die Hälfte davon sind Tulpen. Sie machen den Keukenhof mit seinen 32 Hektar Fläche nicht nur zum riesigen Tulpengarten, sondern zur größten Blumenschau der Welt. Die Holländer selbst interessieren sich für die beliebteste Sehenswürdigkeit ihres Landes weniger: Sie stellen lediglich 30 Prozent der 800.000 Besucher, die innerhalb der acht Wochen Öffnungszeit den Keukenhof besuchen. Damit liegen sie gleich auf mit den Besuchern aus Deutschland.

Wer es nicht zum Keukenhof schafft, deckt sich eben zuhause mit Tulpen ein. Von dieser Sehnsucht nach Frühling und Farbe profitieren Annelie Wassmer und die Floristen jedes Jahr aufs Neue. Doch für 2014 ist jetzt damit Schluss. „Ab sofort gibt es die ersten deutschen Rosen“, sagt die Geschäftsfrau. Und die stammen aus ihren eigenen Rosengärten zwischen Stockach und Bodman-Ludwigshafen. Aber auch hier ist die Konkurrenz groß, trotz Heimvorteil: Rosen sind der holländische Export-Schlager Nummer 1, noch vor den Tulpen.

Erschienen im Südkurier, April 2014

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